Kochen mit dem Profi
Auf der Nasenspitze klebt noch ein Stückchen Nudelteig. Dennoch wird der Löffel gierig in den nächsten Topf manövriert. Der Mund öffnet sich, die Augen springen weit auf und dann folgt ein Lächeln. Nicht geahnt hatte mancher „Zwerg“, wie gut Karotten oder Zucchini schmecken können. Bei Bernhard Reiser und seinem Team durften sie das, Dank der Patenschaft von Leporellino, die sie Anfang 2009 schon hinter Theaterkulissen geführt hat und nun ein weiteres Mal für Kontakt und Transport verantwortlich zeichnet, erfahren.
Es ist Donnerstagmorgen, 9.45 Uhr. Die Ruhe vor dem Sturm. Themenkoch und Ernährungsexperte Michael Müller bereitet zusammen mit Lukas Kriener, Betreuer im „Lebensraum“ und Chef, Bernhard Reiser ein Novum im Mainfrankenpark vor. Erstmals soll mit Fünf- bis Siebenjährigen gearbeitet werden. Ein bisschen nervös sind sie schon. Die Hoffnung, Lust an gesundem Essen wecken zu können, steht ihnen jedoch ins Gesicht geschrieben. Und wer kann zu Gemüselasagne mit Käsesauce schon nein sagen? Die Kinderschar, die zusammen mit ihren beiden Betreuerinnen Anja Hartmann und Sabine Kremer-Klevenow an diesem Tag den Weg zu ihnen findet, jedenfalls nicht. Dann ist es 10 Uhr. Schnatternd steigen sie aus dem Bus. Aufgeregt, das merkt man, sind auch sie. Viele von ihnen versuchen sich zum ersten Mal an einem „ganzen“ Gericht. Zwar haben sie den Umgang mit Messern im Bistro des Kinderhauses schon erlernen dürfen und zu Hause Spiegelei oder Fischstäbchen für Mama und Oma gebruzelt. Doch die Zubereitung eines komplexen Essens ist Neuland. Sie wissen: „Ein Koch braucht einen Herd, Wasser und Liebe.“
Wie das genau aussieht, das gilt es zu erkunden.
„Ihr müsst nicht alles essen, aber alles probieren“, empfiehlt der Weinstein-Küchenchef noch während sie sich in bunte Schürzen hüllen. Sein gewinnendes Lächeln steckt an. Die Buben und Mädchen greifen mutig zu und tasten sich mit Hilfe einiger Zutaten an verschiedene Geruchs- und Geschmacksrichtungen heran. Mit allen Sinnen erfahren sie die Lebensmittel, die später in ihren Töpfen landen.
„Besseres Essen braucht das Land“, ist sich Reiser sicher. „Es ist höchste Zeit für eine Menge Aufklärung und vor allem für schnelles Handeln in Sachen Ernährung.“ Mit diesem Erlebnis hier, das stellt sich schnell heraus, bietet sich eine vielleicht einmalige Chance, nicht nur die Kinder für eine Küche abseits des Tiefkühlregals zu gewinnen, sondern das auch an die Eltern weiterzugeben. Diese Hoffnung teilt Anja Hartmann vom Kinderhaus: „Sie sollen Freude daran bekommen, gesundes Essen zuzubereiten und ein Multiplikator sein“, wünscht sie sich. Aber am allerwichtigsten sei, dass es ihnen schmeckt. Und das ist offensichtlich: konzentriert stehen die Kleinen in einer Reihe und schnibbeln das vorbereitete Gemüse. Immer wieder sausen die Fingerchen in die Schüsseln, um einen Leckerbissen zu naschen. Genauesten folgen sie den Erklärungen. Wie schneide ich Karotten richtig? Worauf muss ich beim Nudelteig achten? Dana, Maurice und ihre Freunde sind voll bei der Sache. In verschiedenen Arbeitskreisen wird gerührt und gewendet, Saucen kreiert und die Füllung der Lasagne zubereitet. Tief hängen die Nasen in den Töpfen, die besser auf den Theken sitzend als stehend erreicht werden können.
Am Ende ist klar: Die Köche haben es verstanden, die quirlige Truppe „bei der Stange zu halten“.
Ihr Rat an die Eltern: „Lassen Sie die Kids mitarbeiten. Planen Sie aber nicht länger als eine Stunde.“ Mit Zeit, vernünftigen Produkten, die saisonal, regional und soweit möglich frisch ausgewählt werden sollten, ist diese Art der Zubereitung auch im Alltag und mit geringem finanziellen Aufwand zu meistern. Gerade in jungen Jahren gilt es, für die Zukunft vorzusorgen. „Schlechte Ernährung ist nicht auf den ersten Blick erkennbar“, betont Müller. Mangelerscheinungen zeigen sich erst auf den zweiten Blick. Etwa durch häufiges Krankwerden im Winter. Doch auch langfristig zahle sich gesunde Ernährung aus: das Immunsystem wird gestärkt, Übergewicht, Diabetes oder koronaren Herzkrankheiten vorgebeugt. Glauben sie, dass sie mit diesem Kochkurs einen Anstoß geben konnten? Ja. „Ich bin immer wieder fasziniert und erstaunt über die Begeisterung und Aufmerksamkeit. Kinder werden oft unterschätzt. Sie können mehr als ihnen zugetraut wird“, meint Müller. Das können auch seine Kollegen vollends unterschreiben.
Und Chef Reiser fügt hinzu: „Kindern muss man Vielfalt bieten.“ Mit diesem kulinarischen Abenteuer ist das auf jeden Fall gelungen.



